Und sie trotzen dem Ödland

Die kleinen Lichtblicke gegen die Ödnis einer kulturlosen Zeit kommen an. Nie war Kultur exklusiver und nahbarer. 

Nathalie Benelli 21.11.2020

Es ist dunkel auf dem Stadtplatz. Die Fenster der Restaurants bleiben schwarz. Menschen hasten auf direktem Weg von der Arbeit nach Hause. Es gibt wenig Gründe, sich hier aufzuhalten. Doch in der Sebastianskapelle brennt Licht. Die Türe steht einladend offen. Acht Personen haben die Gelegenheit, sich musikalisch auf eine Reise zu begeben. Walliser Seema in ganz kleiner Formation nimmt am Freitagabend die Zuhörenden mit auf eine Reise. Das heisst, Jean-Marc Briand und Xavier Moillen spielen französische Chansons und wallisertiitschi Lieder. Klänge, die überall Zuhause sein könnten öffnen Welten. Melancholisches und Fröhliches ist zu hören. 15 Minuten – mehr bedarf es nicht, um Seelenzustände aufzufangen. Selten war Kultur so exklusiv, selten hatte man sie so nötig. Die Musik tut gut, an diesem kalten Novemberabend.

Jeden Abend treten in der Sebastianskapelle seit Anfang November andere Künstler alleine oder zu zweit auf. Mehr nicht, denn es dürfen sich gemäss Corona-Massnahmen höchstens zehn Personen in der Kapelle aufhalten. So bleibt Platz für acht, manchmal neun Kulturinteressierte. Die lauschen den Lesungen oder kurzen Konzerten andächtig.

Überall auf der Welt leiden die Kulturschaffenden. Auftrittsmöglichkeiten fehlen und die Zukunft wird langsam ungewiss. Wie wohltuend ist doch da dieses kleine Festival, das aus der Not eine Tugend macht. Es schafft Auftrittsmöglichkeiten für Künstlerinnen und Künstler und verhindert den völligen kulturellen Kahlschlag. Der bekannte deutsche Sänger Udo Lindenberg machte letzte Woche auf seinem Facebook-Account eine klare Aussage: «Wenn jetzt nicht bald der wohlverdiente Finanzregen für Kulturschaffende kommt, dann haben wir hier bald Ödland und danach kommt das Blödland…» Kultur ist geistige Lebensenergie. Wenn die fehlt, fehlt etwas Relevantes.

Xavier Moillen und Jean-Marc Briand bei ihrem Auftritt. (von links) Quelle: pomona.media/Alain Amherd

Dass es im Oberwallis nicht so weit kommt, ist der Initiantin des Rhonefestivals Franziska Heinzen zu verdanken. Innert kürzester Zeit hat sie nach der Verschärfung der Corona-Massnahmen das «Hier&Jetzt»-Festival ins Leben gerufen. Die Burgerschaft Brig-Glis stellte die Sebastianskapelle zur Verfügung. «Wir sind sehr zufrieden mit dem Verlauf des Festivals. An mehreren Abenden waren die Darbietungen ausgebucht. Das sind zwar nur zwischen 24 oder 27 Besucher, aber unter diesen Umständen ist das schon wunderbar», sagt Franziska Heinzen. In Brig gibt es noch bis am 30. November Gelegenheit, jeden Abend um 18.00, 18.30 und 19.00 Uhr kurze Kulturveranstaltungen zu besuchen. Dann zieht das Festival weiter. «Die Burgerschaft Visp hat uns angefragt, ob wir nicht auch in Visp gastieren könnten. Und so werde ich mit Sarah Brunner sowie einer Gastkünstlerin oder einem Gastkünstler vom 6. Dezember 2020 bis 3. Januar 2021 jeden Sonntagabend in der Dreikönigskirche ein halbstündiges Konzert geben», sagt die Initiantin. Die Veranstaltung wird vor einem neuen Publikum zwei Mal wiederholt. Die maximale Anzahl von zehn Personen pro Veranstaltungseinheit wird nie überschritten. Auf Initiative von Andrea Steiner wird das Konzept des Festivals «Hier & Jetzt» für die Weihnachtszeit auch im Schloss Leuk übernommen. Jeweils von Donnerstag bis Samstag finden dort im Dezember diverse literarische und musikalische Kurz-Veranstaltungen von 15 Minuten statt.

Erfrischende Vielseitigkeit 

Kulturschaffende zum Mitmachen zu motivieren war kein Problem. Franziska Heinzen sagt: «Hier gibt es nicht nur zahlreiche qualitativ hochstehende Künstlerinnen und Künstler, sondern auch eine erfrischende Vielseitigkeit: Alle konnten frei entscheiden, was sie dem Publikum darbieten wollten.» Bei den Besucherinnen und Besuchern kommt das Kurzformat gut an. Das bestätigt auch Franziska Heinzen: «Ich kann mir vorstellen, dass auch nach der Corona-Zeit solche kurzen, niederschwelligen Veranstaltungen Erfolg haben könnten. Vielleicht ist die Zeit überholt, in der man in einem schönen Kleid auf der Bühne steht und ein langes Konzert gibt. Mit kurzen Auftritten könnte ein neues Publikum erreicht werden. Darüber würde es sich lohnen nachzudenken.»

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